Predigtreihe:
Woran Menschen heute leiden
Wut im Bauch
Eph. 4,26: Zürnt ihr, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht über Euren Zorn untergehen.
Jak.1,20: Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht
ist.
Liebe Gemeinde,
heute geht es um Wut im Bauch. Wir alle haben eine
lange Geschichte mit der Wut. Viele Erfahrungen haben wir schon seit der
Kindheit mit der Wut gemacht. An einen Wutanfall, den ich hatte, kann ich mich
noch gut erinnern. Ich war etwa 10 Jahre alt, als ich einmal hörte, dass mein sechs
Jahre älterer Bruder mit Freunden ins Schwimmbad wollte, und ich wollte liebend
gerne mitgehen. Aber die wollten mich nicht dabei haben. Und meine Eltern
sagten: Nein, du kannst nicht mitfahren. Also bekam ich einen Wutanfall, an den
mich bis heute erinnere. Ich warf mich auf den Boden, krabbelte unter den
Sessel und trommelte mit Händen und Füßen auf den Boden, während ich aus
Leibeskräften brüllte. Es nützte leider nichts. Meine Eltern blieben hart.
Dem einen gehen die Gäule durch, dem anderen
läuft die Galle über, dem Dritten platzt der Kragen. Unsere Sprache macht es
deutlich: Wut ist ein ungeheures Gefühl - ungeheuer menschlich, aber auch
ungeheuer gefährlich. Wut ist eine neutrale Kraft, entscheidend ist deshalb,
wie wir mit ihr umgehen.
1. Wut, Ärger,
Zorn - woher kommen diese Gefühle? Zorn, Wut und Ärger empfinden wir immer
dann, wenn wir uns in unserem Wert bedroht und angegriffen fühlen, bzw. wenn
etwas angegriffen wird, was uns sehr viel bedeutet. Auch Hilflosigkeit und
Ohnmacht machen wütend. Dennoch gilt grundsätzlich: Jeder Wutausbruch hat eine
Vorgeschichte. Wer Ärger empfindet, hat zuvor ärgerliche Gedanken gepflegt.
Zum Beispiel:
Weil ich eine sachliche Kritik plötzlich persönlich nehme, werte ich sie
gedanklich als Angriff auf meine Person. Und dann kommt die Wut. Dann macht
unser Körper durch eine erhöhte Herzfrequenz, Adrenalinausstöße und eine
Anspannung der Muskulatur mobil, und die berühmte Zornesröte steigt uns ins
Gesicht. Verschiedene Menschen reagieren zumeist unterschiedlich auf bestimmte
Situationen.
2. Es gibt
verschiedene Wut-Typen.
a) Da haben wir
z. B. das HB-Männchen. Dieser Typ explodiert gerne schnell und geht wie
eine Rakete an die Decke. Dem brennen die Sicherungen
durch. Doch so schnell der Ärger kam, ist er meist auch wieder verflogen.
Trotzdem hinterläßt so ein Jähzornanfall bei anderen
oft tiefe Verletzungen.
b) Die Ärger-Schlucker
nehmen die Wut nach innen und fressen ihren Ärger in sich hinein.
Psychosomatische Beschwerden sind hier nicht selten die Folge. Sie haben häufig
Angst davor, die Anerkennung anderer zu verlieren, wenn sie auch mal böse
werden und ihrem Ärger Luft machen.
c) Daneben gibt
es noch die Meckerziegen, die an allem was auszusetzen haben und sich
über jede Kleinigkeit maßlos aufregen können.
d) Die Baldriantypen
ersticken jede Aggression im Keim: Bloß immer lieb, brav und freundlich sein,
ja keinen Streit riskieren. Das Problem dabei: Konflikte, die unter den Teppich
gekehrt werden, werden so nicht gelöst, sondern manchmal noch verstärkt.
e) Und
schließlich haben wir da noch den Rache-Engel . Der zahlt erlittenes
Unrecht doppelt heim. Er ist verletzt und tut alles, um wieder zu verletzen.
Aus der Erfahrung
sind nicht die, die direkt ihren Ärger zeigen, problematisch, sondern die, die
ihn hinten herum ausdrücken durch Schweigen, Verweigerung von Anerkennung,
Liebesentzug, Schmollen, boykottierende Haltung, Erpressung und so weiter.
Diese so genannten "passiv-aggressiven Verhaltensweisen" wirken sehr
zerstörerisch auf Beziehungen. Auch der lammfromme Typ verhält sich manchmal
sehr aggressiv. Und auch wenn er es noch so versteckt und hintergründig tut,
heißt das nicht, dass sein Verhalten nicht weniger schädlich ist.
3. Kann man
seine Wut in den Griff bekommen? Ja, kann man.
a) Doch davor müssen wir uns eins
eingestehen: Wir fühlen, was wir fühlen - da kann man erst einmal nichts
machen. Ärger, Zorn und Wut gehören ganz selbstverständlich zu unserem
Menschsein. Und weil das so ist, müssen wir diese Gefühle auch nicht aus
unserem Leben verbannen oder verdrängen. Wut
und Zorn haben für unser inneres Wohlbefinden eine ähnliche Funktion wie die
Schmerznerven für unser körperliches. Wut ist sozusagen der Schmerznerv der
Seele. Körperlicher Schmerz ist auch ein sehr unangenehmes Gefühl. Aber er ist
höchst notwendig. Er bewahrt uns davor, dass wir uns mehr als nötig verletzen,
und treibt uns dazu, dass wir – wenn es geschehen ist – Massnahmen
ergreifen, damit die betroffene Stelle geheilt wird.
Nur eins ist
entscheidend: Wir sollten lernen, angemessen mit diesen starken Gefühlen
umzugehen, dass wirklich etwas heilsames daraus entstehen kann..
b) Was zeigen mir
die Dinge, bei denen ich ausraste, denn über mich?
Wenn ich mich z. B. nicht genügend
abgegrenzt habe und ein anderer frech meine Grenzen überschritten hat, dann
zeigt mein Ärger mir, dass ich mich besser schützen muss. Eine Krankenschwester in einem Krankhaus hatte einen
Chef, der war ein dominanter Mensch, der seine Angestellten manchmal ziemlich zusammenstauchte,
oft auf eine gemeine und ungerechte Weise. Eine von den Kolleginnen brachte er
fast jeden Tag mindestens einmal zum Weinen. Als die Krankenschwester erst ganz
kurz in diesem KH war, machte er sie einmal unberechtigterweise auf seine
gemeine Art und Weise fertig. Ihre Kollegen sagten ihr nachher: Weisst Du, das darfst Du nicht so ernst nehmen. Der ist
immer so. Dass ist seine Art, uns zu motivieren. Aber die Schwesetr
konnte das nicht so stehen lassen. Am nächsten Tag vor der Operation stand sie
neben ihm am Waschbecken. 10 Minuten Hände waschen und desinfizieren. Da
ergriff sie die Gelegenheit beim Schopf und sagte zu ihm: Herr Dr., ich wollte
noch einmal etwas zu gestern sagen. Meine Kollegen haben mir gesagt, das wäre
ihre Art, uns zu motivieren. Ich wollte Ihnen nur sagen: Mich motivieren Sie
damit nicht. Von diesem Tag an ließ er sie in Ruhe – und sie hatte sogar einen
Stein bei ihm im Brett. Gott ist daran gelegen, dass wir gesunde Grenzen
setzen. Meine
Wut zeigt mir, wo ich Grenzen setzen muss. Andererseits zeigen aggressive
Gefühle mir häufig auch wunde Punkte, an denen ich noch weiter arbeiten sollte.
Zum Beispiel sollte ich mich nicht ärgern, wenn ich "ja" gesagt, aber
"nein" gedacht habe. Lernziel: Beim nächsten Mal sage ich besser
direkt "nein" und spare mir so den Ärger über mich selbst.
Dr. Chapman berichtet in
seinem Buch Die andere Seite der Liebe (96-107) von einem Mann namens
Mike, der zu ihm in die Therapie kam. Seine Frau hätte sich beklagt: Er wäre
seit ungefähr einem Jahr nicht mehr so ausgeglichen wie früher, und würde sie
und die Kinder wegen jeder Kleinigkeit anfahren. Und außerdem hätte er in den
letzten Monaten das Gefühl, er würde seine Lebenslust verlieren. Nach einigen
Fragen bekam Dr. Chapman den Eindruck, dass Mike sehr
viel unverarbeiteten Zorn mit sich herumschleppte. Er fragte ihn u.a, ob er beim Autofahren leicht wütend werden würde. Mike
gab zu, dass er beim Autofahren oft die Beherrschung verlieren würde – ganz im
Gegensatz zu sonst. „Ich gelte als ruhig und ausgeglichen. Aber wenn ich hinter
dem Steuer sitze, dann kommt irgend so eine Feindseligkeit zum Ausbruch.“ Dr. Chapman gab ihm dann die Aufgabe, sich in der kommenden
Woche zu überlegen, wo ihm in seinem Leben Unrecht widerfahren sei. Er sollte
eine Liste anfertigen mit zwei Spalten. Links: Welche Menschen haben mir
Unrecht getan? Rechts: Was haben sie mir getan? Er sollte seit der frühesten
Kindheit alle Fälle aufschreiben, an die er sich erinnern konnte. Als er
wiederkam, hatte er 34 Namen auf seiner Liste. Sein Vater war Alkoholiker
gewesen. Wenn er betrunken war, hatte er ihn und seinen Bruder oft mißhandelt. Irgendwann verließ er die Familie. Seine Mutter
war eine harte, kritische Frau gewesen, die wohl am
Alkoholproblem ihres Mannes nicht ganz unschuldig war. Sie behandelte ihre
Söhne oft unangemessen streng. Als Mike am College war, hatte er einige
Erlebnisse, die ihn sehr verletzt hatten. Und so weiter. 34 Leute und unzählige
Erlebnisse. Nur in zwei Fällen hatte er seinen Ärger auf positive Weise
verarbeitet. In allen anderen hatte er einfach „versucht zu vergessen“ (wie er
sich ausdrückte) und sich auf die Zukunft zu konzentrieren. Und genau das war
sein Problem. Irgendwann kam seine Fähigkeit, dieses Unrecht zu ertragen an
eine Grenze. Und so begann er, seinen Zorn herauszulassen – an seiner Frau und
den Kindern. Gleichzeitig mit seiner zunehmenden Aggressivität stellte sich
auch eine beginnende Depression. Die Last all dieser unverarbeiteten
Ungerechtigkeiten begann, sich wie eine dunkle Wolke über sein Gemüt zu legen.
Aufgestauter Ärger – Ich glaube, wenn ich ein bisschen
nachdenken würde, würde ich auch 30 Personen finden, die mich in meinem Leben
verletzt haben.
Und der erste Schritt, sie loszuwerden, lautet: Nehmen
Sie sich Zeit, herauszufinden, wo Sie Unrecht erlebt haben. Nehmen Sie sich Zeit
herauszufinden, wo diese Wut herkommt. Oft ist das nicht so einfach – deshalb
kann ich Ihnen nur raten, dass Sie Gott um Hilfe dabei bitten. Auch wenn Sie
sich geistlich eher noch als einen suchenden Menschen einstufen, nicht als
einen, der sein Leben schon bewußt Jesu Christus
anvertraut hat, können Sie beten, und sie werden – wenn Sie aufmerksam sind -
Gottes Antworten bemerken.
Vielleicht brauchen Sie auch Hilfe durch einen
Therapeuten oder Seelsorger. Dann nehmen Sie sie in
Anspruch. Wut – besonders wenn Sie häufig hervorbricht, ist ein Zeichen dafür,
dass in ihrer Seele Wunden sind, die auf Heilung drängen. Sie sollten dieses
Zeichen ernst nehmen. Um es nochmal mit dem Beispiel
der Schmerznerven zu sagen: Wenn es wehtut, sollten Sie zum Arzt gehen.
c) Wie kann man
die Energie, die hinter diesen Gefühlen steckt, zum Guten nutzen?
Einfach indem man an die Probleme herangeht! Wir sollten Konflikte als Chance
sehen, um gute Lösungen zu finden, die uns weiterbringen. Streiten kann
wirklich verbinden, wenn wir auf eine reife Weise mit Frust, Ärger und
Verletzungen umgehen. Wichtig dabei ist: Wenn ich einem Menschen, der sich
gerade tierisch aufregt und ärgert, seine Wut zugestehe und sie anerkenne,
nehme ich der Wut damit ihre destruktive Wirkung. Ein konstruktiver Umgang mit
Ärger, Zorn und Wut beginnt damit, dass ich mir selbst diese Gefühle zugestehe
und dafür auch die Verantwortung übernehme. Denn ich habe mich ja entschieden,
mich genau in diesem Moment über diese oder jene Aussage oder dieses oder jenes
Ereignis zu ärgern. Und dann schaue ich genau hin: Was hat mich denn da so
verletzt? Welchen wunden Punkt hat mein Ehepartner, mein Freund, meine Mutter,
mein Kind da bei mir berührt? An welcher Stelle bin ich frustriert?
d) Um Ärger zu
überwinden, muss ich ihn also zunächst lokalisieren. Und dann kann ich lernen,
diese Gefühle angemessen auszudrücken. Anstatt irgendwann zu platzen, kann ich
lernen, viel früher zu sagen: "Ich habe mich über deine Bemerkung vorhin
geärgert. Ich fühle mich verletzt durch die Art, wie du es gesagt hast. Können
wir darüber reden?"
4. Warum haben
gerade Christen häufig so große Probleme damit, zuzugeben, wenn sie
wütend sind? Weil es in vielen christlichen Kreisen so eine Art "11.
Gebot' gibt, das da heißt: "Sei immer schön brav! Zeig bloß keinen Ärger!
Fang keinen Stunk an! Geh den untersten Weg! Nimm dich zurück!", und so
weiter. Aber das ist ein falsches Verständnis des Gebotes der Nächstenliebe.
Zur Nächstenliebe gehört eben auch, dass ich mich und meine Grenzen ernst nehme
- nicht nur die des anderen. Und dass ich diese auch klar vertrete und sage,
wenn sie überschritten werden.
5. Die Bibel
fordert uns auf.- "Zürnt ihr, so sündigt
nicht" Geht das Überhaupt - wütend sein und doch nicht falsch handeln? Das
ist in der Tat nicht immer einfach und hat außerdem zwei Seiten:
a) Zum einen soll
ich mich nicht an anderen versündigen, indem ich dauernd eine Wutbombe
explodieren lasse und sie von den Splittern verletzt werden.
b) Aber
andererseits soll ich mich auch an mir nicht versündigen, indem ich meine
giftigen Ärgergefühle einfach herunterschlucke. Denn das schlägt mir auf den
Magen und macht krank.
c) Und wenn ich
doch statt sanft zu reagieren und vernünftig zu argumentieren mal wieder
geplatzt bin und einen Menschen verletzt habe - was dann? Wer andere im Zorn
verletzt, sollte ehrlich dazu stehen und sich nicht herausreden nach dem Motto
"Ich weiß gar nicht, was da in mich gefahren ist!" Ehrlich sein
heißt: "Was ich vorhin in meiner Wut gesagt habe, war in dem Moment so
gemeint. Jetzt merke ich, dass es falsch war. Es tut mir Leid, was ich gesagt
habe! "
d) Aber es kann auch dran sein, anderen zu
verzeihen: Ich habe vorher von Mike erzählt,
der schließlich eine Liste mit 34 Personen gemacht hatte, die ihn verletzt
hatten. Hier ist das, was er tat: Er ging seine Liste durch und las laut jeden
Namen und jede Verletzung Gott vor. Er sagte Gott z.B.: „Du weißt, was mein
Vater alles getan hat, und dass es nicht recht von ihm war und wie sehr mich
dies alles verletzt. Ich habe diese Vorfälle in mir angestaut, aber heut möchte
ich meinen Vater und alle diese Dinge loslassen und sie dir überlassen. Jetzt
liegen sie in deiner Hand. Bitte hilf mir, der Mann zu werden, der ich nach
deinem Willen sein soll.“
So ging er jeden einzelnen Namen und jedes einzelne
Ereignis durch. Und am Schluss, als er durch war, vernichtete er die Listen. Zwei
Wochen später ging er mit seiner Frau wieder zu Dr. Chapman.
Seine Frau sagte (106) „Das ist eine der tollsten Erfahrungen, die wir in
unserem Leben gemacht haben. Ich habe das Gefühl, ich hätte einen neuen Mann.
Diese Woche hat er keine einzige kritische Bemerkung gemacht.“ Und Mike selbst
sagte: “Ich habe das Gefühl, als sei eine große Last von mir genommen… Die Wut
ist weg. Ich habe nicht mehr den Drang dauernd herumzukritisieren, und ich
spüre, wie meine Begeisterung und Lebenslust wieder zurückkehren.”
e) Die Bibel
spricht bezüglich des Friedens und der Selbstbeherrschung von einer Frucht, die
der Geist Gottes in uns ausreifen lassen möchte (Gal
5,22). Auf welche Weise hilft uns der heilige Geist denn bei unserem
Wutproblem? Wenn der Geist Gottes in einem Menschen lebt, lebt dieser in einer
veränderten Zielrichtung. Was unserem "alten Wesen", unserem alten,
menschlichen Zorn entspringt hat häufig zum Ziel, den anderen
; beschädigen, zu treffen und zu verletzen. Dem menschlichen Geist kann
eben nur menschlicher Zorn entspringen. Der heilige Geist hingegen bewirkt auch
einen "heiligen Zorn": Er will, dass Dinge zur Sprache kommen,
angepackt und geklärt werden. Doch dabei er hat nie zum Ziel zu zerstören,
sondern er will immer heilen und aufbauen.
Jeder von uns hat eine lange Geschichte mit der Wut. Wenn Sie ihr Herz Jesus Christus öffnen, werden sie lernen, dass er eine lange Geschichte der Vergebung und der Liebe mit ihnen hat.
Amen.