Paulus und das Eselein
(Röm.7,14-25)
Liebe Gemeinde,
Es gibt Leute, die sagen: In der Kirche werden einem doch Märchen erzählt. Das bringt mir nichts. Im ersten Punkt gebe ich ihnen heute Recht. Ich möchte jetzt ein altes Märchen der Gebrüder Grimm erzählen. Allerdings bin ich überzeugt, dass es sehr viel bringen kann: Es lenkt - wie fast alle Märchen - den Blick auf wichtige Erfahrungen unseres Lebens. Es konfrontiert uns in bildhafter Sprache mit unserer Not und unserer Sehnsucht nach Glück. Es führt uns zu einer Antwort auf die Frage, die auch Paulus umtreibt: Wie kann mein Leben gelingen? Wie werde ich der Mensch, der ich sein will?
Dazu lese ich aus Röm.7, 14-25 nach Hoffnung für alle:
Liebe Gemeinde,
Das Märchen vom Eselein
könnte uns die schwierigen Sätze aus dem Römerbrief veranschaulichen und näher
bringen:
Ein
König und eine Königin wünschen sich nichts so sehr wie ein Kind. Als ihr
Wunsch endlich in Erfüllung geht, hat das Kind die Gestalt eines Eseleins.
Dennoch wird es vom König als Sohn und Erbe akzeptiert, wächst am Hof auf lernt
sogar das Lautenspiel und lebt fröhlich bis zu dem Tag, an dem es zum ersten
Mal im Wasserspiegel eines Brunnens seine Esels gestalt entdeckt. Traurig
zieht das Eselein in die Welt hinaus und gelangt
schließlich zu einem fremden Königshof. Seine liebenswerte Art und sein
schönes Lautenspiel öffnen ihm alle Türen und bald darf es an der königlichen
Tafel Platz nehmen. Nach einiger Zeit lässt das Eselein
wieder betrübt den Kopf hängen und möchte Abschied nehmen. Der König, der das
Tier lieb gewonnen hat, will es zum Bleiben bewegen und bietet ihm Gold und
Schmuck, ja sogar sein halbes Reich an. Aber erst, als erfragt: »Willst du
meine schöne Tochter zur Frau?«, wird das Eselein wieder vergnügt und sieht seinen Herzenswunsch erfüllt.
In der Hochzeitsnacht wirft der Bräutigam im Schlosskämmerlein plötzlich seine
Eselshaut ab und steht als schöner königlicher Jüngling vor der glücklichen
Prinzessin. Am Morgen zieht er die Tierhaut wieder über aber ein Diener hatte alles
beobachtet und dem König gemeldet. In der nächsten Nacht schleicht der König
selbst in das Schlafgemach, sieht den schönen Jüngling im Bett liegen und daneben
die abgestreifte Eselshaut. Er nimmt sie weg, verbrennt sie im Feuer und macht
den Schwiegersohn zum Erben seines Reiches.
Drei Grundgedanken des Paulus begegnen
uns hier in der Sprache der Symbole und Bilder, drei Erfahrungen, die uns ahnen
lassen, wer wir sind, was wir zum Leben brauchen und was wir erhoffen dürfen.
1. Ich bin nicht der, der ich sein möchte
Beim Blick in den Brunnen erschrickt das
Eselein. Es erkennt seine Erbärrnlichkeit,
es fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, es wird sich seiner traurigen Situation
bewusst. Der Prinz in der Eselhaut - ein eindrucksvolles Bild für leidendes,
erlösungsbedürftiges Menschsein, für innere Zerrissenheit, für noch nicht
gefundene Identität, für den Widerspruch zwischen Größe und Elend, der unser
Leben prägt.
»Ich unglücklicher Mensch« - sagt Paulus
und beschreibt die Spannung, die über seinem und jedem menschlichen Leben
liegt: Ich weiß, was gut ist, aber ich tue es nicht. Ich will ein anderer sein,
aber mir fehlt die Kraft. Es gibt eine Macht in mir, die mich lähmt und
einschnürt, die mich - um im Bild der Eselhaut zu bleiben -dem
Guten gegenüber störrisch und widerspenstig macht. Ich kenne die Gebote, die
mir zum Leben helfen wollen, werde aber von einem anderen Gesetz bestimmt.
»Der, der ich bin, grüßt trauemd den, der ich sein
möchte« - so drückt Karl Rahner diese Erfahrung der
Ohnmacht und Ratlosigkeit aus.
2. Ich schaffe die Veränderung nicht aus
eigener Kraft
Das eigene Spiegelbild im Wasser des
Brunnens macht das Eselein aber nicht nur traurig, es
macht ihm auch Beine und setzt es in Bewegung. Mit dem Erkennen der
Widersprüche und Unzulänglichkeiten kann eine Entwicklung, ein Weg beginnen.
Und auf diesem Weg macht das Eselein eine zweite
Erfahrung: Ich schaffe die Veränderung nicht aus eigener Kraft. Mit seinem
Lautenspiel, mit seinem musikalischen Talent kann es zwar Aufmerksamkeit
erregen und die Anerkennung des Königs finden, die Eselhaut abstreifen kann es
aber nur in der Nähe eines geliebten Menschen. Die Befreiung von der Eselhaut
in der Hochzeitsnacht - ein einprägsames Bild dafür, dass der Mensch erst zu
sich selbst findet, wenn er von einem anderen angenommen und geliebt wird.
Nicht eigene Anstrengung und Leistung machen mich zu dem, der ich sein möchte.
Die Verwandlung zu meinem »wahren Ich« kann ich mir nur schenken lassen. »Wer
wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib retten?«
»Wer wird mich aus diesem dem Tod
verfallenen Leib retten?« - fragt Paulus, weil er
spürt, dass er sich das befreiende Wort nicht selbst sagen kann; weil er weiß,
dass er aus den Widersprüchen seines Lebens nicht ohne Hilfe herausfindet; weil
er ahnt, dass ein glückliches und erfülltes Leben immer ein Geschenk bleibt.
Aber die Hilfe und die Nähe anderer Menschen allein können uns nicht endgültig
aus der Widersprüchlichkeit unseres Daseins befreien. Der Prinz schöpft am
Morgen nach der Hochzeit wieder in die alte Eselhaut und hätte diese Gewohnheit
beibehalten, wenn der König nicht eingegriffen hätte.
3. Ich darf auf Gottes Hilfe hoffen
Damit sind wir bei einer dritten
Erfahrung, auf die uns das Märchen und der Apostel Paulus aufmerksam machen wollen:
Ich darf auf Gottes Hilfe hoffen.
Der König stiehlt die Eselhaut des
schlafenden Prinzen, wirft sie in ein gewaltiges Feuer und wartet so lange,
bis sie ganz zu Asche verbrannt ist. Der König und die verbrannte Eselhaut -
ein hoffnungsvolles Bild dafür, dass Gott das vollendet, was der menschlichen
Liebe und Hilfe nur teilweise gelingt. Nur er kann mich ein für alle Mal retten
aus meinen Verstrickungen in das Böse, nur er kann ein für alle Mal wegnehmen,
was mich belastet und gefangen hält wie eine zu enge Haut, nur er kann ein für
alle Mal die Macht brechen, die mich von mir selbst entfremdet und mein Leben
zerstört.
»Dank sei Gott durch Jesus Christus,
unseren Herrn!« - ruft Paulus, weil er daran glaubt,
dass das Geschenk der Liebe Gottes ihn leben lässt; weil er davon überzeugt
ist, dass wir alle durch Leben und Sterben Jesu Christi erlöst sind; weil er
darauf hofft, dass wir durch ein Leben im Geist Jesu zu neuen Menschen werden.
Man könnte meinen, der Philosoph Carl
Friedrich von Weizsäcker hätte das Märchen vom Eselein
und die Sätze des Apostel Paulus aus dem Römerbrief vor sich gehabt, als er
»die drei tiefsten Erfahrungen des Menschen« so formulierte: »Nicht Freiheit,
sondern Ohnmacht, nicht Macht, sondern Gnade, nicht der Mensch, sondern Gott.«
Nicht Freiheit, sondern Ohnmacht erkenne ich, wenn ich in den Spiegel schaue
und mein Leben nüchtern betrachte. Trotz aller Leistungen und Erfolge, trotz
aller Möglichkeiten, die sich mir bieten, bleibe ich der bedürftige Mensch, der
nicht alles im Griff hat, der Grenzen akzeptieren muss, der vielen Zwängen
ausgeliefert ist. Diese Einsicht lässt mich bescheiden bleiben und reifer
werden. Nicht Macht, sondern Gnade ist das, was mein Leben reich macht. Die
wichtigsten Dinge im Leben kann ich nicht machen, sondern mir nur schenken
lassen: Nähe, Zuneigung, Anerkennung, Hilfe und Trost. »Das Ich wird am Du« und
»alles wirkliche Leben ist Begegnung« (M. Buber).
Nicht der Mensch, sondern Gott spricht das letzte Wort über mein Leben. Mit
seiner Hilfe werde ich zu dem, der ich sein kann. Er schenkt »Leben in Fülle«.
Unsere Gemeinden könnten die Orte sein,
an denen wir diese drei tiefsten Erfahrungen machen können: Orte, an denen wir
einander nichts vormachen müssen; an denen wir uns gegenseitig ermutigen und stützen;
an denen Gnade vor Macht ergeht und die einen nicht Herren über den Glauben der
anderen sind; Orte, an denen wir gemeinsam Gott danken und die Erinnerung an
Jesus Christus wach halten, der uns zum wahren Menschsein befreit hat. Es liegt
auch an uns, ob es so etwas nur im Märchen gibt.
Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen Nr. 144,
München 199315, S. 651554.